Christian Borchert (1942–2000)

Eröffnung: 26. April 2018 | 19–21Uhr
27. April – 2. Juni 2018

 

Als Christian Borchert (*1942 in Dresden, † 2000 in Berlin) im Sommer nach der Jahrtausendwende bei einem Badeunfall mit 58 Jahren tödlich verunglückt, hinterlässt er eine systematisierte und differenzierte ostdeutsche Chronik seiner Epoche. Sein Archiv ist zu diesem Zeitpunkt bereits in einem ungewöhnlich geordneten Zustand und umfasst 230.000 S/W-Negative, 18.000 von ihm als Arbeitsabzüge bezeichnete Prints, sowie ca. 2.300 Kleinbilddias. “Das Sammeln und Ordnen hat mir gefallen”, sagt er vier Jahre zuvor in einem Interview. Die Arbeitsabzüge seien Arbeitsmaterial, das er nicht nur ständig durch neue Aufnahmen erweitere, sondern immer wieder sichte und nach neuen Themenzusammenhängen ordne: “Ich benötige Zeit” beschreibt er weiter seine Methode, “ehe ich mir darüber im klaren bin, ob ein Bild mein Bild ist - ich verwerfe oft wieder und hole zurück aus den Ausfallmotiven”.

Borcherts künstlerischer Aufbruch beginnt 1975 mit der Kündigung als Bildreporter bei der wöchentlich erscheinenden auflagenstarken DDR-Zeitschrift “Neue Berliner Illustrierte”. Im selben Jahr schließt er ein Fernstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ab, der einzigen Kunsthochschule der Ostblockstaaten, die seit 1947 auch Fotografen ausbildet. Das Credo der Hochschule ist, einen Wirklichkeitsanspruch mit Kunst zu verbinden und die realistische Methode eines August Sander erweist sich im Besonderen als die künstlerische Erbschaft, die sich Christian Borchert aneignet. Dessen sachlichen Stil weiß er mit einer Orientierung an den Werken Paul Strands und an Irving Penns suggestiv aufzuladen.

Er beginnt freischaffend und im Selbstauftrag zu arbeiten. Die Kultur- und Sozialgeschichte der DDR dokumentiert er ab 1977 in einer “DDR-Sammlung” systematisch in Themenreihen. So entstanden die berühmten Familienportraits, die Szenen des Alltags, die Künstlerportraits und die Landschaftsdokumente. Seine stringent objektive Bildsprache gegenüber dem Motiv ist geprägt von mitfühlendem Respekt und Distanz. Sie zeugen von einem unbedingten Willen, keine falsche Authentizität eines unmittelbaren Daseins vorzuspiegeln, und bekennen sich in ihrer Frontalität in einem gewissen Grad zur Inszenierung. So erregten die Bilder bei der Gruppenausstellung “Wir stellen junge Fotografen vor”, die im Herbst 1974 in der Berliner Stadtbibliothek stattfindet, einigen Anstoß und zählen zu den viel diskutierten Aufnahmen der Fotoschau. 

In der historisch bahnbrechenden Ausstellung “Geschlossene Gesellschaft” (Berlinische Galerie, 2012) zur Geschichte der Fotografie in der DDR als nonkonformistisches, künstlerisches Ausdrucksmittel, nimmt das Werk von Christian Borchert eine wichtige Stellung ein und gehört zu den meist reproduzierten Leitfiguren der Ausstellung. Dem über der Ausstellung schwebenden Gefühl einer stehengebliebenen, eingefrorenen Zeit hat Christian Borchert in der Nachwendezeit eine eigene Fortsetzung gewidmet. Die begonnene Systematik weiterdenkend hat er sich ein zweites Mal zu seinem Motiven begeben, insbesondere zu den Familien. So hat er nicht nur dem Überleben des Einzelnen im Kollektiven ein Bild gegeben, sondern auch die Gesellschaft im Wandel gezeigt, in eine ungewisse Zukunft und Hoffnung hinein. Sein Blick auf die “feinen Unterschiede” ist sektiererisch und unpsychologisch. Seine Fotografien bilden in der Zusammenführung von heute und gestern eine Gesamtschau mit Ewigkeitsanspruch von freiwilliger und unfreiwilliger Distinktion der Klassen.  

Loock zeigt nun nach Manfred Paul im Showroom mit Christian Borchert einen weiteren Fotografen, der sich gegen die veristischen Perspektiven auf die Wirklichkeit der DDR  stellte. Er nahm das Prinzip der Augenzeugenschaft ernst und geriet dadurch mit der inszenierten und geschönten Bildwelt der sozialistischen Propaganda in Konflikt. Dessen Qualität ist es aber nicht allein, ein untergegangenes Land und System zu dokumentieren, sondern mit Eigensinn und Widerstand die eigene Welt zu offenbaren und zu bewahren.

 

Text von Sassa Trültzsch, Berlin, 2018