Callum Innes
Tape

27. April 2018 – 2. Juni 2018
Eröffnung: 26. April 2018 | 19–21Uhr

 

Für die neue Werkserie, die bei Loock zum ersten Mal vorgestellt wird, hat Callum Innes sein Werkzeug zum Material gemacht. Der Klebestreifen, eigentlich das Hilfsmittel beim Kaschieren von Flächen, wird nicht mehr temporär eingesetzt, nicht entfernt, sondern konstruiert die Fläche. Der schwarze Klebestreifen ist dicht aneinander oder einzeln collagiert, um eine opake oder transparente Fläche zu bauen. Die scheinbar pragmatische Entscheidung, die Streifen in Einzelstücke zu reißen und nicht exakt zu schneiden, ist erkennbar und greift die Anmutung des spezifischen Duktus des Künstlers auf. Sie bluten aus.

In der historisch vielfältigen Rhetorik des monochromatischen Farbauftrags auf Leinwand hat Callum Innes (*1962, Edinburgh) eine unverwechselbare Sprache gefunden. Wenn malerische Logik im Allgemeinen bedeutet, dass Farbe aufgetragen wird, dann steht Callum Innes dafür, dass er Farbe abträgt. Durch eine spezielle Technik von Addition und Subtraktion, von Farbauftrag und Entfernung der Farbe enthüllt er seine Fragen an das Bild, an den Raum des Bildes, an das Licht der Farbe und an die Schwerkraft des Materials. Immer nachvollziehbar am Werk selbst bleibt bei ihm der Entstehungsprozess. Wir sehen die Spuren: Geometrische Kompositionsfelder werden kaschiert, bemalt, ausradiert und erneut in Flächen geordnet. Sie verdichten sich oder verschwinden in subtilsten Farbnuancierungen, sie bluten aus oder sind kantenscharf. 

In diesem lebendigen und bewegten Dualismus der Extreme wird die Zeit des Gemachten faktisch sichtbar und belegbar. Wir können konzentriert in den Prozess der Verfertigung des Bildes eindringen und ablesen, wie seine Grammatik aufgebaut ist, welche Entscheidungen vom Maler in welcher Reihenfolge getroffen wurden. In dieser Hinsicht sind die Malereien ganz dem Minimalismus zugeordnet. Sie geben sich dem Betrachter preis. Ihre Wirkung jedoch spielt mit der Illusion und ist äußerst psychologisch. In der Vertiefung und Konzentration auf das Bild entdecken wir abstrakte Aussagen über das Dasein, die vom Künstler poetisch interpretiert werden. In der inszenierten Perspektive auf Transparenz und Intransparenz erscheint und verschwindet Farbe. Ihre Existenz, ihr Sein taucht auf und wieder ab. Callum Innes schließt ein Fenster und stößt es wieder auf.

Diese rätselhafte, meditative und spirituelle Qualität seines Werks hat Callum Innes seit den frühen 1990er Jahren stets konzentriert weiterentwickelt. Entstanden sind Malereien auf unterschiedlichen Materialien als Gemälde auf Leinwand, als Aquarell auf Papier oder als Wandarbeit auf Mauerwerk, so wie sie hier in ihrer hypnotisierenden Kraft gezeigt werden. Erweitert werden sie in der aktuellen Ausstellung um neuartige “Tape-Drawings”.

Der spezielle, wiedererkennbare Duktus seines Farbauftrags liegt in allen Werken nicht in der Individualität des Strichs, sondern im “Ausbluten” der Fläche. Das “Ausbluten” ist ein methodisch gewollter Fehler beim Definieren von Flächen, die isoliert bearbeitet werden. Klebestreifen werden temporär aufmontiert. Sie zeigen die Grenze einer Fläche. Die Fläche wird bemalt und wieder abgetragen. Die Klebestreifen werden entfernt. Zurück bleibt eine Flächenkante, die scharf sein kann oder die unscharf “ausblutet”. 

Innerhalb des Programms von Loock steht die Malerei von Callum Innes fotografischen Arbeiten gegenüber, was einen verführt, hier Verbindungen zu suchen. In der Kombination mit den Fotografien von Christian Borchert im hinteren Raum, wäre zu vermuten, die malerische Methode von Callum Innes selbst als fotografisch zu betrachten, weil sie eine Art Negativ schafft, das einem Positiv gegenüber gestellt ist und die Wirklichkeit des Gemachten selbst ausstellt. 

 

Text von Sassa Trültzsch, Berlin, 2018